Nachruf Markus Gander

Dass derzeit viele Engagierte in der Schweizer Kinder- und Jugendarbeit weniger träumen, seltener lachen und langsamer arbeiten, hat einen traurigen Grund: Markus Gander ist nicht mehr unter uns. Der Gründer und Geschäftsleiter von infoklick.ch – Kinder- und Jugendförderung Schweiz – wurde viel zu früh aus seinem beeindruckenden und phantasievoll engagierten Leben herausgerissen. Fast alle, die sich in der Schweiz in den letzten drei Jahrzehnten mit Kinder- und Jugendfragen beschäftigten, sind ihm begegnet: An Vernetzungstreffen, in Projektsitzungen, im Zug, an der Sommerakademie, im Bahnhofbuffet, in Vorstandssitzungen, an der Aare, in Brainstorming-Meetings, in Bergen und Tälern, an Tagungen, mal hier, mal dort. Diese Begegnungen waren immer herzlich, und immer wollte Markus wissen, wie es gehe. Erst dann ging es auch ums Geschäft, um ein Vorhaben hier, eine Finanzierungsanfrage dort, um eine Projektskizze für jene Gruppe oder um die Unterstützung von Jugendlichen, die eine Idee zum Fliegen bringen wollten. Ein kurzer Austausch, ein spontanes Feuerwerk an Ideen – dann zückt er sein Handy, notiert sich das Wichtigste und schliesst: So machen wir es, o.k.?

Als ehrenamtlich tätiger Leiter in der Pfadibewegung erkennt Markus Gander – vielen als Gandi vertraut – früh den Wert von konkreter Mitwirkung in der Kinder- und Jugendarbeit. Als Leiter bei den Wölfli liebt er das Verspielte, Phantasievolle und Wilde. Das beeinflusst seine späteren Aufgaben als Kursleiter und Jugend+Sport-Experte – und prägt ihn für das ganze Leben bis zu seinem Tod. Bereit zum Spiel, voller Fantasie und mit dem Mut zu wildem Denken – so lernen viele Markus kennen. 

Nach einem Grundstudium in Soziologie und Musikwissenschaft sowie Kursen an der Jazzschule absolviert Markus das Sekundarlehramt II mit den Fächern Mathematik, Geografie und Zeichnen. Doch dann nimmt ihn die Jugendarbeit ganz in Beschlag. Er ist überzeugt, dass viele Jugendliche nur einen Impuls benötigen, um dann ganz von alleine weiter zu kommen. In der Jugendarbeit der Gemeinde Moosseedorf tätig, gründet er 1998 mit seinen Mitstreitern der ersten Stunde infoklick.ch. Der Verein wird später Furore machen, ist aber zuerst einmal auch Ausdruck davon, dass Markus nicht sein Hobby, sondern seine Berufung zum Beruf macht. Es geht ihm darum, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, eine persönliche Meinung zu entwickeln und für sich einzustehen. Er will sie ermutigen, eigene Träume und Ideen in die Gesellschaft einzubringen und eigene Projekte zu verwirklichen. Die Stärkung der individuellen Kompetenzen der Kinder steht deshalb im Vordergrund. Für ihn und seine Kolleg*innen von infoklick.ch ist aber auch klar: Es braucht günstige Rahmenbedingungen, damit Jugendliche ihre Potenziale entfalten können. Um hier Veränderungen zu erreichen, braucht es Vernetzung, jugendpolitisches Engagement und Zugreisen: Gandi bringt es in allen drei Disziplinen zur Meisterschaft. Die Vertretung in allen Sprachregionen ist ein Ziel, das infoklick.ch etwas später erreichen wird. Im Zeitalter der Evaluationen werden infoklick.ch Kontakte mit mehr als 150'000 Kindern und Jugendlichen pro Jahr attestiert – dank den vielfältigen Partizipations-, Beratungs- und Bildungsprojekten sowie der Begleitung von vielen Vorhaben Dritter. Markus erkennt früh, dass sein Management-Wissen nicht ausreicht und bildet sich entsprechend weiter: So kann er rechtzeitig und fundiert die betriebswirtschaftlichen Herausforderungen der Jugendarbeit anpacken. Er hat zwar noch immer keine Garantien, dass alles finanzierbar ist, aber er hat nun das unternehmerische Rüstzeug, diese Fragen systematisch anzupacken.

Durch infoklick.ch und Markus’ Wirken werden Werte geschaffen, die Bestand haben: Den Jugendlichen zu vertrauen und ihre Stärken zu erkennen, wird noch klarer zur Maxime der Kinder- und Jugendarbeit. Jugendliche dabei zu unterstützen, aus eigenen Ideen eigenen Taten wachsen zu lassen, wird zum Credo von Erwachsenen, die sich Kindern und Jugendlichen annehmen. Auch wirtschaftliche Werte werden geschaffen: der Verein infoklick.ch entwickelt sich zum Arbeitgeber, dem viele ihre ersten berufliche Schritte und Erfolge verdanken. Als Geschäftsführer trifft Markus sowohl gegen innen wie auch gegen aussen die richtigen Töne; als Trompeter in Jazzbands weiss er um die Bedeutung eines harmonischen Zusammenspiels – und auch die Disharmonie schreckt ihn als Innerschweizer Guggenmusiker nicht ab. Markus Gander und seine Kolleg*innen machen aus infoklick.ck das Missing Link zwischen einer gut ausgestatteten Schweizer Behörden- und Stiftungswelt sowie partizipativer – und deshalb wirkungsvoller – Kinder- und Jugendarbeit. infoklick.ch ist nun ein Zentrum, ein Hub, ein Ideengenerator, eine Vernetzungsmaschine, eine Auffangeinrichtung für gestrandete Projektideen, ein Event-Büro, ein Think Tank, ein Scharnier zwischen den Sprachregionen, ein Motivationsdepot, eine Wissens- und Erfahrungskiste, eine Referenz, ein KMU. Dieses Verdienst wird belohnt mit dem Preis als «Social Entrepreneur 2007» durch die Schwab Foundation for Social Entrepreneurship und der Ernennung zum Ashoka Fellow im Jahr 2008. 

Weitere Auszeichnungen und Ehrungen wie der Adele Duttweiler-Preis oder der Preis der Sophie und Karl Binding-Stiftung belegen eine unglaubliche Akzeptanz seiner Arbeit sowie grossen Respekt. Immer wird Markus für sein unermüdliches Engagement gedankt, Kinder und Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen eine Stimme zu geben. Zudem verfügt infoklick.ch mit dem magischen Dreieck Information, Förderung und Politik über ein robustes Geschäftsmodell – mit komplexen Herausforderungen für die Finanzierung – und stabile Strukturen. Das gibt Markus die Möglichkeit, sich auch in vielen anderen Initiativen als Mitwirkender, Berater, Helfer, Ideengeber oder Vernetzer zu engagieren.

Alle Ehrungen werden immer auch gefeiert; Markus hält viel von einem Teamgeist, der Geselligkeit einschliesst. Er geht in echter Bescheidenheit davon aus, dass er ohne andere Menschen nicht so weit gekommen wäre. Deshalb gehören Erfolge geteilt und gefeiert. Das bedeutet in der Regel eine feierliche Unterbrechung der Arbeit. Er liebt das Zusammensein mit dem Zweck, beieinander zu sein; vielleicht ergeben sich neue Ideen, vielleicht aber auch nicht, vielleicht ergibt sich einfach gute Stimmung und eine kurze Nacht. Arbeiten ohne Fest gibt es nicht. «Geht nicht» übrigens auch nicht. Sein Motto, «Geht nicht, gibt’s nicht» bringt er in vielen Situationen und Dialekten immer wieder in die Diskussion ein. Er meint es tatsächlich ernst, drückt es aber so charmant aus, dass es auch für Skeptiker*innen oder Kritiker*innen eines Vorhabens verdaubar ist.

In allen guten und weniger guten Momenten seines Lebens kann sich Markus auf Leute und Ambiente des Aegeritals und seines Sehnsuchtsorts Engelberg verlassen. Dort tankt er Energien, Lust und Erkenntnis. Und beide Orte kommen dem nahe, was Markus unter einem «Daheim» versteht – dank ihnen bleibt er auch mit seinem Hang zur Avantgarde verwurzelt und bodenständig.

Das alte Pfadiwort von der täglichen guten Tat ist Markus nur zu gut vertraut. Es scheint, als ob er es für sich leicht abgewandelt habe: «Jeden Tag eine gute Tat ermöglichen!» Markus weiss, dass er nur ermöglichen und motivieren kann, wenn er Beziehungen schafft, wenn er die Kinder und Jugendlichen mag. Für ihn lohnt es sich immer, Beziehungen zu wagen. So lebt, arbeitet und wirkt er – er mag die Menschen.

Markus Gander ist am 1. Juli 2022, nur wenige Tage vor seinem 58. Geburtstag, an den Folgen einer inneren Blutung gestorben. Sein Leben ging zu Ende – das Schaffen und Feiern in seinem Lebenswerk wird weiter gehen. Wir werden wieder träumen, lachen und arbeiten – Gandi hat gezeigt, wie es geht.

Dominik Büchel
Basel, den 6. Juli 2022